Wilmersdorf hilft

Update 26.08.2015 Heute Vormittag besucht Bundespräsident Joachim Gauck die neue Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf. Nach Nauen, nach Heidenau, nach Bombendrohungen gegen das LaGeSo und das Willy-Brand-Haus, nach dem unerträglichen Vorfall in der Berliner S-Bahn wird er, wird die Presse sehen: Ja, die Ankunft der Flüchtlinge verändert unsere Nachbarschaften, konstituiert geradezu neue Nachbarschaften. In Charlottenburg-Wilmersdorf zum Guten.
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Was für ein Sommer: Lampedusa, das Mittelmeer, die griechische Insel Kos, Calais, Züge frühmorgens in Bozen, klapprige Kleinbusse auf der A3 bei Passau,  zuletzt der griechisch-mazedonische Grenzübergang am Beginn der „Balkanroute“ – der Sommer 2015 prägt Erfahrungen und Bilder, wie sie ferner nicht sein könnten von Ferien und Reiseglück.

Europa aber, der ersehnte Fluchtpunkt für viele Verzweifelte, erweist sich politisch als kopflos und überfordert.

In Berlin kommen unablässig weitere erschöpfte Flüchtlinge an. Politik und Verwaltung kommen schon lange nicht mehr mit. Ad-hoc wurde nun das  ehemalige Rathaus Wilmersdorf beschlagnahmt, seit 10 Tagen ist es eine Notunterkunft für 500 Flüchtlinge.
Alles hier  ist noch vorläufig und provisorisch – und dennoch erscheint die Situation für den Augenblick tragbar. Das ist bemerkenswert, angesichts der Tatsache, dass der kurzfristige Bezug am vorletzten Freitag und alles, was in den Tagen seither dort aufgebaut wurde, auf reinen Ehrenamtsstrukturen basiert: Der Arbeiter-Samariter-Bund betreibt die Notunterkunft seit der Beschlagnahmung des Gebäudes per ASOG (= Allg. Gesetz zum Schutz der Sicherheit und Ordnung in Berlin) seit Freitag letzter Woche E H R E N A M T- L I C H im Rahmen seines Katastrophenschutzes.
Die Beschlagnahmung und Einrichtung geschah vor dem Hintergrund der vor zwei Wochen unübersehbar gewordenen und unhaltbaren Zustände in der Turmstraße/Moabit (Zentrale Erstaufnahme in Berlin) in der Berliner Sommerhitze. – (Einen Eindruck von dieser Situation gibt aktuell die Pressemitteilung-Moabit-Hilft-LaGeSo-22 08 15, die beschreibt, welche Regelungen jetzt erst mit dem LaGeSo verabredet worden sind. )
s. auch: http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/ehrenamtliche-fluechtlingshelfer-sehen-fortschritte-am-lageso.html

Bei der Einwohnerversammlung in der Auenkirche am Donnerstagabend letzter Woche sprach der Bezirksbürgermeister folgerichtig vom „eingetretenen Verwaltungsnotstand“. Wie auch alle anderen offiziellen Vertreter (Berliner Immobilien-Managment,  LaGeSo, ASB) an jenem Abend freimütig bekannten, dass ohne die sich spontan bildenden Ehrenamtsstrukturen in Berlin diese Situation nicht mehr beherrschbar sei.

Die Katastrophenschützer vom ASB übernahmen also binnen Stunden den Bettenaufbau im ehem. Rathaus am Fehrbelliner Platz und stemmen seither den Essenseinkauf, Kantinenbetrieb, die Duschversorgung, die Haustechnik. Bis an die Leistungsgrenze. Dazu gibt´s einen externen Wachschutz. Für eine, maximal zwei Wochen haben sie die Übernahme dieser Aufgabe zugesagt. Eine Ausschreibung für einen Betreiber läuft; wie schnell ein professioneller Betreiber ausgewählt werden wird…? Das heisst aber auch, dass die inzwischen 500 Flüchtlinge am Fehrbelliner Platz noch keine, regulär über einen Betreiber gestellte und öffentlich finanzierte Sozial- und Kinderbetreuung haben.

Ehrenamtliche von „Moabilt hilft“ waren aus der Turmstraße mit den Flüchtlingen in unser ehemaliges Rathaus mitgezogen und bauen seither zusammen mit „Willkommen in Wilmersdorf“ „Wilmersdorf hilft“ auf: Sie organiseren Spendenaufrufe und -annahme, richteten Kleider- und Spendenkammern sowie erste Kinderspielzimmer ein. Ein Gebetsraum, ein Frauen – und ein Unterrichtsraum sind in Vorbereitung. Unter den täglich ca. 100 Ehrenamtlichen sind auch 15-20 ehrenamtliche Dolmetscher/-innen und ehrenamtliche Ärzte.

Ja, es fehlt an allen Ecken und Kanten: in den ersten Tagen gab es noch keine Duschen, jetzt erst ein paar im Zelt auf dem Hof. Es gibt keine Waschmaschinen, die öffentliche Gesundheitsversorgung lässt zu wünschen übrig, und, hm, das LaGeSo hat mit einem mobilen Registrierungsteam auch tagelang auf sich warten lassen – umso mehr erstaunt und ist bewundernswert, als wie belastbar sich das zivile Engagement in diesen Tagen erweist.

Unsere bezirklichen Strukturen docken nach und nach an: Das Jugendamt ist vor Ort und bahnt Kontakte an zum Jugendclub „Spirale“ und dem Jugendfreizeitheim Anne-Frank. Die Frauenbeauftragte hilft, das Haus Pangea wird sich mit Unterstützung und Dolmetscherdiensten einklinken, die Stadtteilmütter, der Jugendmigratonsdienst ebenso. Mir erschiene es sinnvoll, im Wege der Amtshilfe für die Registrierung das Jobcenter mit vor Ort zu bitten, um sich unter den Flüchtlingen mit sicherer Bleibeperspektive schon bei der Registrierung nach Berufsabschlüssen oder mindestens angefangenen Berufsausbildungen zu erkundigen – immerhn ist das Jobcenter derzeit mit der Konzeption einer Jugendberufsagentur betraut. Einen entsprechenden Antrag werde ich in die BVV einbringen.

Wer vor Ort gehen und helfen möchte, nehme ruhig Kekse, Kaugummi, Seifenblasen etc mit, auch Vokabelhefte und Stifte kommen gut an. Die Spenden- und Kleiderkammern quellen bereits über, so mein Eindruck.

Woran es nach meiner Beobachtung fehlt: Kinderfahrräder und Roller für den großen Innenhof – da könnte die Fahrradwerkstatt aus der Emser Straße vielleicht demnächst mit aushelfen. Kleine Hockey- als Fußballtore, Federballspiele wären gut. Für all das bekommt der ASB vom LaGeSo, solange kein regulärer Träger installiert ist, kein Geld.

Und toll wäre, es entstünde demnächst im ehemaligen Rathaus eine Ecke, in der sich eine Begegnungszone etablierte: wo täglich nachmittags Tee trinken, spielen (Karten, Backgammon, 1-er würfeln etc.) möglich wäre, Kuchen Mitbringen inklusive. Kennenlernen. Sprechenlernen. Denn darauf kommt es ja am Ende an.

18 Kommentare

  1. Rick sagt: Antworten

    Hallo,
    ich bin schon ein wenig aelter, wuerde aber trotzdem gerne helfen.
    Z.B. koennte ich Deutsch unterrichten ( habe das fast 15 Jahre in Asien und Afrika getan).
    Gibt es da einen Bedarf? Und wohin sollte ich mich wenden, um meine Hilfe anzubieten?

  2. Yamna Jan sagt: Antworten

    Guten Abend,

    ich bin eine Berliner Studentin (23 Jahre) und würde gerne eherenamtlich bei „Wilmersdorf hilft“ Oder sonst in den Regionen Spandau/Wilmersdorf aushelfen. Spielen mit Kleinkindern oder Dolmetschen? Vielleicht können Sie mir eine Kontaktperson nennen.

    Besten Dank im Voraus.

    1. Nadia Rouhani sagt: Antworten

      Liebe Frau Rick und liebe Frau Jan,

      ich freue mich über Ihre Fragen und Ihre Hilfbereitschaft, herzlichen Dank! Sprachkenntnisse sind sehr gefragt.

      Wenn Sie gerne helfen möchten, finden Sie vor Ort am Infomobil Ansprechpartner. Der Eingang ist seitlich in der Brienner Straße. Gleich neben der Hofeinfahrt steht ein weißes Infomobil und dort warten viele freundliche Helfer, die die Ehrenamtlichen begrüßen und einführen. Dort können Sie sich melden und alles Weitere absprechen.

      Auch online gibt es einen Dienstplan in den man sich nach (nach kurzer Registrierung) eintragen kann.

      Diese Bedarfsliste wird täglich aktualisiert und enthält auch Hinweise für Helfer.
      Alles Gute und nochmals Danke,

      Nadia Rouhani

  3. Mützelburg, Hannelore sagt: Antworten

    Hallo,
    ich bin pensionierte Fremdsprachenlehrerin (Französisch/Englisch), z.Z. Nachhilfelehrerin und Lesepatin und wohne in der Nähe von Pangeahaus und Fehrbelliner Platz. Ich könnte Deutsch unterrichten, auch mit Flüchtlingen beim Tee/Kaffee reden, habe allerdings nur begrenzt Zeit (s.o.).
    Wohin soll ich mich wenden?
    Viel Erfolg für Ihre Initiative und viele Grüße,
    Hannelore Mützelburg

    1. NR sagt: Antworten

      Liebe Frau Mützelburg,
      vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft. Bitte nehmen Sie mit der Koordinatorin für die ehrenamtlichen Deutschkurse im Rathaus Wilmersdorf Kontakt auf: esther.knothe@yahoo.de. Freundliche Grüße, Nadia Rouhani

  4. Mathilda Silbiger sagt: Antworten

    Hallo,
    ich wollte fragen, ob man sich auch als minderjährige Schülerin ihrgendwie engagieren kann, da das Thema „Flüchtlinge“ auch vielen Schülern am Herzen liegt. Deshalb finde ich, dass es toll wäre, wenn auch Jugendliche helfen könnten.
    Wohin sollte man sich damit wenden?
    Viele Grüße,
    Mathilda Silbiger (14)

  5. NR sagt: Antworten

    Liebe Mathilda Silbiger,
    Danke für Deine Nachfrage und Dein Engagement. Bitte kontaktiere philipp.bertram@gmx.de und das Ehrenamtsteam um ihn herum, das „Wilmersdorf hilft“ aufgebaut hat. – Vielleicht sehen wir uns übermorgen Abend in der Auenkirche? Freundliche Grüße, Nadia Rouhani

  6. Iris Wehner sagt: Antworten

    Hallo,
    ich bin ab sofort gerne bereit musikalische früherziehung, musikunterricht für jedes alter sowie singen anzubieten. ich habe musik studiert und seit 35 jahren unterrichtserfahrung auch mit großen gruppen, chorleitung und bandcoaching, bin flexibel und sammele gerade sachspenden in form von instrumenten und bastelmaterial. weiterhin spreche ich englisch und etwas französisch. über eine antwort freue ich mich.
    kollegiale grüße
    iris wehner

    1. NR sagt: Antworten

      Liebe Frau Wehner, das klingt ja wunderbar! Bitte wenden Sie sich an Frau v. Flemming unter vvflemm@web.de. Freundliche Grüße, Nadia Rouhani

  7. Lydia Schreiber sagt: Antworten

    Guten Tag,
    ich habe mich ganz neu als Helferin am 21. + 22.9.15 (LydiaMargotSchreiber) eingetragen.
    Es irritiert mich der Button „austragen“, wo ich doch eingetragen bleiben möchte.
    Was ist zu tun? Danke für Abhilfe, ggf. einen Tipp.

    Mit sehr freundlichem Gruß
    Lydia Schreiber

    1. NR sagt: Antworten

      Liebe Frau Schreiber, bitte kontaktieren Sie philipp.bertram @gmx.de oder esther.knothe@gmx.de. Mit freundlichen Grüßen, Nadia Rouhani

  8. Woll sagt: Antworten

    Hallo,
    ich bin Apotheker im Ruhestand und würde gerne 1 mal in der Woche
    montags in der Zeit von 9bis 16 Uhr ehrenamtlich im Bereich der
    Flüchtlingshilfe in Wilmersdorf mithelfen.Die gezielte Online-Suche ist eher
    unübersichtlich.Ich verfüge über Sprachkenntnisse in Französisch und
    Englisch.An welche Ansprechperson oder Stelle kann ich mich wenden?

    mit freundlichen Grüssen
    F.M.Woll

    1. NR sagt: Antworten

      Sehr geehrter Herr Woll, vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft! Ich empfehle Ihnen, sich an Frau Knothe oder an Frau v. Flemming zu wenden: esther.knothe@yahoo.de oder vvflemm@web.de. Beide koordinieren die eherenamtlichen Deutschkurse, aber inzwischen auch die Spiel- und Ausflugsangebote. Für den Fall, dass Sie das ehrenamtliche Ärzteteam unterstützen möchten, wenden Sie sich bitte an http://www.medizin-hilft-fluechtlingen.de. Ich hoffe, Sie finden Ihren Zugang, sonst melden Sie sich bitte nochmal. Mit freundlichen Grüßen, Nadia Rouhani

  9. Susy sagt: Antworten

    Hallo, wir würden gerne ein paar gut erhaltene Spielsachen vorbeibringen (Puppe, Kuscheltier, Puzzle, Buntstifte, Ausmalbilder, Knete, kleine Taschen und Rucksäcke).
    Hierzu steht auf der Bedarfsliste gar nichts… Können wir die Sachen vorbei bringen?

  10. NR sagt: Antworten

    Liebe Susy, ja, bitte vorbeibringen und am Eingang Brienner Straße abgeben. Vielen Dank und freundliche Grüße, Nadia Rouhani

  11. Sehr geehrte Frau Rouhani,
    ich biete Ihnen meine Dienste als diplomierte Kunsttherapeutin um den traumatisierten Flüchtlingen die Möglichkeit zu bieten ihre Erlebnisse auf nonverbale Art zu bearbeiten.
    An wem soll ich mich richten?
    Herzliche Grüße
    Malgorzata Horak

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