„Tempel der Moderne“ – Gastbeitrag von Dr. Gregor Langenbrinck zu den Holtzendorff-Garagen


Holtzendorff-Garagen 1929

Gerade heute Morgen bin ich dort wieder vorbeigefahren und habe gesehen, dass das Gebäude jetzt saniert wird. Ich bin allerdings gespannt, wie die Architekten mit den Buchstaben umgehen, die auf dem schönen Bild von 1929 erkennbar sind. Denn eigentlich – wenn man das dann schon einmal ernst nimmt – wirkt der Schriftzug ja wie der Fries eines dorischen Tempels – mit Metopen (Buchstaben) und Triglyphen (Shell-Symbol). So wird aus der Tankstelle ein kleiner Tempel – die beiden Stützen, ganz schlicht aus Stahl, kann man als Säulen lesen. Sie unterstützen das Motiv. Das haben die Architekten der Klassischen Moderne gerne gemacht: den Bezug zum antiken Tempel der Griechen hergestellt und die Elemente mit den Materialien, Formen und Ideen ihrer Zeit verschnitten. Die Garagen dahinter machen das Tempelmotiv noch deutlicher. Es gibt eine berühmte Gegenüberstellung, die Le Corbusier in seinem Buch Vers une Architecture wählt: Oben ein dorischer Tempel und darunter ein Auto seiner Zeit. Das macht das Motiv evident. Je länger ich darüber nachdenke, umso toller finde ich, dass wenigstens dieser kleine Teil der Holtzendorffgaragen erhalten bleibt – auch wenn er von einem völlig unpassenden Wohnhaus überwölbt werden wird. Augenzwinkernd könnte man sagen, dass mit dem Café des Biomarktes dort nun durchaus etwas Passendes einzieht, eben das Zeitgemäße von heute: Was damals das Autos, der Großstadtverkehr usw. waren, sind heute Nachhaltigkeit, die klimagerechte Stadt etc… .

Gregor Langenbrinck, Urbanizers Büro für städtische Konzepte

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Nach langen Jahren hat endlich die denkmalgerechte Sanierung begonnen: „Bis Weihnachten ist das Dach wieder dicht“ (Tagesspiegel vom 28.11.2015

2 Kommentare

  1. jn sagt: Antworten

    ..in der Sichtachse stand in seiner Zeit(um 1928)das „Universum- Lichtspielhaus am Kurfürstendamm“ (Heute: Schaubühne am Lehninerplatz)

    https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/schaub
    https://www.schaubuehne.de/de/seiten/haus-profil.html

    die Beziehung ist eindeutig, architektonisch und in der Nutzung der Neuen Zeit (Film und Automobil)

  2. jn sagt: Antworten

    die „Kartenbeziehung“ :
    (1932) Holtzendorffplatz-Küstrinerstr.-Lehniner Platz

    http://www.alt-berlin.info/cgi/stp/lana.pl?nr=21&gr=5&nord=52.497379&ost=13.302385

    (Heute) Kracauerplatz-Damaschkestr.-Lehniner Platz

    http://www.berliner-stadtplan.com/

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