Lass uns mal WOGA machen

Einwohnerversammlung Hochmeisterkirche, 5.7.2016.
Ein fiktiver Monolog
Gastbeitrag von RENÉ SCHNITZLER 

Aha, jetzt also eine Einwohnerversammlung gemäß Bezirksverwaltungsgesetz, jetzt also Gedöns, wie der da von der SPD es nennt, jetzt also sitz‘ ich hier oben auf dem Podium bei so’ner Feierabendveranstaltung in der Hochmeisterkirche. Was die sich alle mit dem Mendelsohn haben, Mon Dieu, Erich Mendelsohn war doch auch nur Architekt, einer also, der für Geld dies macht und das macht, Hauptsache, es gibt ’nen Auftrag und er kann bauen. Denkmalschutz, Denkmalschutz, Denkmal… wenn ich das schon höre, krieg ich Schnupfen. Leute: Wer die Kapelle zahlt, bestimmt die Musik und das sind ja wohl immer noch wir hier. Und damals Leute, damals, garantiert, da war es auch nicht anders. Man kannte sich: Hey Erich, da in Wilmersdorf, da haben wir ein Grundstück, was heißt wir haben ein Grundstück, eine richtige Wohnungs- und Grundstücks-Verwertungs-Aktiengesellschaft haben wir da, die WOGA – und mit der muß jetzt dringend was passieren in Sachen Verwertung, ein ganzer Wohn- und Verwertungskomplex muss her, denn es ist Wirtschaftskrise und wir müssen am Ball bleiben, wer weiß wie lang die Einnahmen aus dem verdammten Tageblatt noch sprudeln, wie lange die Berliner sich die Zeitung gleich zweimal am Tag leisten können oder wollen und wenn dann noch die Nazis kommen… na ja, wird schon nicht passieren… jedenfalls jetzt muss gebaut werden und das könntest du doch machen einfach so in dem Stil wie der Umbau von unserem Mosse-Verlagshaus vor ein paar Jahren des passt scho‘… Also, so oder ähnlich wird das schon damals gewesen sein zwischen der Familie Mosse als Eigentümerin des Berliner Tageblattes sowohl wie auch der WOGA  – und ihrem Architekten, dem Mendelsohn. Und der hat dann munter drauf losgebaut und rausgeholt, was da in der Wilmersdorfer Ku’Damm-Randlage eben baumässig rauszuholen war. Wenn’s hätte ein bisschen mehr sein müssen, dann hätte er das auch gemacht, wozu hat er denn die Kreuzhäuser entworfen – aber es war nun mal Wirtschaftskrise, und mehr bauen ging nicht, die Mosses mussten ja aufpassen, dass sie nicht ihre ganze Liquidität in dem Komplex versenkten und dann hat man das mit den Kreuzhäusern eben wieder ad acta gelegt und es stattdessen mit Tennisplätzen gemacht. Mendelsohn als Architekt war da garantiert ganz leidenschaftslos. Ich kenn doch die Brüder. Hauptsache Auftrag. Genau wie unser Grüntuch hier. Der schert sich auch nicht um das, was sein Vorgänger Mendelsohn wollte oder nicht wollte. Es schert ihn auch nicht, was die anderen Eigentümer hier auf dem Komplex wollen oder was der Senat will oder der Bezirk – und das ist auch gut so, denn wenn’s nach denen ging, dann passierte hier ja eh wieder nix: Kuck Dir doch den Schulte an, wie der hier rumsitzt, der Bezirksstadtrat: was will er? Egal, du musst einfach selber wissen, was du willst: und das haben wir, wir von Shore Capital, längst entschieden: Wir wollen jetzt WOGA machen, wir wollen unser Grundstück in der Cicerostraße 55a mal so richtig schön verwerten, weil jetzt geht es hier ja auch, jetzt ist hier in Berlin endlich Schluß mit diesem Immobilien-Dornröschenschlaf. Vorbei die Zeiten, dass du ums Verrecken nicht mehr als 6.000 €/qm für ’ne Eigentumswohnung erzielen konntest. Inzwischen sind ja 15 T€ möglich, wie jeder weiß – und die hat neulich sogar der ehemalige Wowi-Finanzsenator Ulrich Nussbaum für sein Penthouse gezahlt wenn er sie denn gezahlt hat an den alten Groth, Klaus Groth, jaja der weiß, wie’s hier läuft und der war natürlich wie immer ganz vorne mit dabei…aber wir hier von der Shore-Familie, wir steigen jetzt auch ein und da wollen wir doch mal sehen, wie uns die Verwertung da an der Schaubühne gelingt.

Genau. Und deswegen sitze ich jetzt also hier in der Kirche und lass‘ diese Einwohner über mich ergehen. Schön unauffällig rumhocken, freundlich lächeln, die Rolex liegt zu Hause und der Cerutti  bleibt im Schrank, da hat der Schulte ganz recht, mein taubenblaues C&A-Jacket ist hier das Mittel der Wahl und mit meinem billigen Regenschirm mach ich mich so richtig gemein, det läuft, wie mein Tommie sagen würde, det läuft und das wichtigste: schön freundlich bleiben, lächeln und Schmelz auf die Stimme geben, Schmelz und Kreide…

Das war doch super, dass ich mich hier als Familienvertreter ausgegeben habe: „Ja guten Abend, verehrte Gäste! Ich vertrete hier die Familie Shore, das Familienunternehmen Shore mit Sitz in London und Dependance hier in Berlin, ich freue mich, dass ich heute hier sein darf und unsere Architekten Grüntuch und Kollegen, die freuen sich Ihnen darzustellen, was wir hier in Ihrem Wilmersdorf planen und stehen dann auch für Ihre Fragen zur Verfügung.“

Besser geht es doch nicht: Familie Shore aus London. Das hört sich an nach Five-o’clock-tea, nach alter Dame und elegant-harmlosem Etepetete: Und ’ne Familie sind wir doch auch, wir von Shore Capital: Shore Capital Stockbrokers Limited, Shore Capital Limited, Shore Capital and Corporate Limited, Puma Investment Management Limited and Shore Capital International Limited – um nur einige unserer beschränkten Familienmitglieder zu nennen.

Aber die sind ja ganz schön wild hier, die Einwohner. Das hätte der Schulte mir doch sagen können. Hat er aber nicht. Ich habe immer nur gehört: Wir machen das mit den Urbanizers, mit dem von Langenbrinck da, der bekommt den Auftrag, das Ganze hier zu moderieren und dann wird das ein Länderspiel: Aber dass die Silberlocken hier dem Meister Langenbrinck nun derartig den Kopf waschen… Nein wir wollen jetzt unsere Fragen stellen sechs Monate haben wir gewartet und dann muss jetzt auch Platz sein für Fragen und unsere Fragen gehen eben nicht nur auf Heckenhöhe oder Abstandsflächen, wir wollen jetzt mal wissen was hier eigentlich abgeht: wieso soll hier genehmigungsfreigestellt verfahren werden, was ist mit der Bauordnung, was ist mit der GFZ, für wen wird hier eigentlich gebaut, was ist mit dem Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung, Herr Schulte, was ist die kalkulierte Miete, kommen auch Familien und wie sieht die Verkehrsplanung aus? Und das Klima? Was ist mit dem Mikroklima – wollen die im Ernst jetzt wissen. Puhh, so geht das jetzt schon seit einer halben Stunde und der Langenbrinck ist immer noch am Sammeln, der sammelt und sammelt das nimmt ja gar kein Ende jetzt auch noch die Frage nach den Parteispenden gestückelt oder gerührt und dann muss ich wohl am Ende doch auch selbst noch was zum Geschäft sagen, wenn die sowieso schon alles wissen inclusive der 70 oder 80 €/qm, die wir bummelig für das Grundstück ausgegeben haben, man, das kann ja doch noch richtig heiß werden hier… hoffentlich hat Schulte ein paar von seinen Leuten im Publikum platziert, damit die hier mal deeskalierend eingreifen können, das hatte er doch gesagt denn der Grüntuch, der redet sich doch jetzt ja auch nur noch raus à la mein Name ist Hase, ich hab nur ’nen Auftrag.

„Also, wir wissen ehrlich gesagt gar nicht, welchen Preis wir für die Wohnungen nehmen sollen. Das hängt ja von so vielen Parametern ab und wir haben gerade erst den Bauantrag gestellt. Wir wissen ja gar nicht, was da noch alles an Auflagen kommen wird, also nein, zu den Preisen können wir gar nichts sagen, und die 435 T€, die wir für das 6000-qm-Grundstück ausgegeben haben, das war ja kein richtiger Verkauf, das war ja nur im Rahmen der Projektplanung, das ist nur für die Bücher…das ist ganz üblich, dass man dann was auslagert bei einem Projekt. Aber die Wohnungen, die sind auf jeden Fall auch für Familien. Schon wegen der Größe.“

Wie hört sich das an? Wahrscheinlich war das doch irgendwie suboptimal. Denn die im Publikum, diese verdammte Einwohnerschaft, die weiß ja wohl längst sehr genau, dass egal, wie wir die Wohnungen nun bauen, wir so oder so nicht die 70-80 €/qm als Grundstücksanteil in die Eigentumswohnung einpreisen – sondern mindestens die bummelig 700 €, die die Bodenrichtwerttabelle hier ausweist. Und wenn die das ohnehin alle wissen, dann hätte ich das vielleicht doch im Sinne von offensivem Konfliktmanagement selbst sagen sollen? Aber uupppss: das sind ja immerhin 1000 Prozent, um die es hier geht. Und das bei den Zinsen, die die Leute auf ihren Sparbüchern haben. Nee. Und überhaupt: wir könnten da ja noch nicht mal was machen, denn wir müssen diese 10000 Prozent ja sogar einpreisen – sonst meldet sich Herr  Schäuble zu Wort und fragt, ob wir hier etwa die Steuer verkürzen wollen? Also, natürlich preisen wir das ein, und – nebenbei bemerkt: das ist ja auch kein Problem, denn die Käufer zahlen das und das Ganze, liebe Leute: das nennt man Geschäft oder eben auch WOGA: Wohnungs- und Grundstücksverwertung und AG sind wir auch. Gut, aber es macht doch immerhin einen Unterschied, ob ich das heute Abend selbst einräume und dann eine Neid-Debatte lostrete bei der aggressiven Stimmung hier – oder ob ich es den Einwohnern überlasse, sich ihren Teil einfach zu denken und die bleiben schön ruhig. Punkt. Es war richtig, nur so rumzulavieren. Und deswegen lass ich mir von meinen Shareholdern auf keinen Fall mißratenes Kommunikationsmanagement vorwerfen, die sollen mir bloß nicht mit sowas kommen. Man! Mehr ging eben nicht und das soll überhaupt mal einer von denen machen: sich hier nach Feierabend in eine Kirche setzen und die Bürger über sich ergehen lassen.

Ne, ist doch alles gut gegangen. Kein Krawall, die sind friedlich abgezogen und in 14 Tagen haben wir die Baugenehmigung und dann bauen wir hier drauf los oder holen uns den Schadensersatz, egal, jedenfalls kann jetzt keiner mehr behaupten, wir hätten die Einwohnerschaft nicht informiert oder wir hätten nicht aufgenommen an Wünschen, was nach Rechtslage aufzunehmen möglich war. Was kam denn auch an Wünschen? Nix, wenn ich richtig liege. Noch nichtmal die Überplanung der Hecken, die Schaffung von mehr Transparenz, wie der Bezirksstadtrat meinte, nein, selbst das ist nicht formuliert worden und wie gesagt, das mit dem Denkmalschutz und dem Mendelssohn, das ist eh schon weggebügelt, dem konkurrierenden Gutachterverfahren sei Dank. Das immerhin hat doch der Schulte ganz geschickt eingefädelt. Also insofern eigentlich alles ok, ich geh jetzt nach Hause und da, tirlili, da genehmige ich mir dann erstmal einen Dujardin und eine Cohiba, echt jetzt, das hab ich mir doch auch verdient, oder?

4 Kommentare

  1. a.thiel sagt: Antworten

    besser hätte man es nicht formulieren können! Vielen Dank

  2. jn sagt: Antworten

    gedicht eines aufrechten bürgers zur ehre von stadtrat Schulte zwecks überlebenskampf in schweren wahlkampfzeiten

    “einen schönen guten tag herr schulte wie halten sie das nur aus
    das sitzen zwischen all den stühlen machen sie sich nix daraus

    sie arbeiten jeden tag geradezu perfekt
    und bisher hat auch keiner einen nachweisbaren fehler in ihrer arbeit entdeckt

    sie arbeiten gewissenhaft mit äußerster präzision
    doch undank und unzufriedenheit und anfeindungen sind ihrer mühe lohn

    sie scheinen recht bescheiden etwas unscheinbar zu sein
    doch die macht die sie besitzen das wissen nur sie allein

    genießen sie all die beschimpfungen , angriffe in hoher zahl
    genießen sie ihr leben in einer ständig steigenden qual

    sie werden immer ruhiger geniessen anscheinend jedes aggressieve wort
    und pusten diese alle ganz lässig mit präzisen gesetzestexten hinfort

    ich würde sie gerne engagieren für politik in gesunder ökologiche form
    könnten sie sich das vorstellen ganz gegen ihre unumstößliche norm

    mit all ihrem wissen und können, bewusst in eine andere richtung gehen
    und dadurch in eine gesunde zukunft und freundlich lachende wähleraugen sehen

    nur begeisterte bürger die ihnen aus dank schönste blumen schenken
    weil sie so aufopfernd an grünflächen, kinder,frische luft und zufriedene bürger denken……

    bitte denken auch sie an ihre gesundheit,wo athmen sie und ihr mann bitte frische luft und wohltuende pflanzendüfte ein
    sie haben all die macht um für sich selbst für weitere generationen und die umwelt ……ein retter vielleicht sogar ein SUPERHELD zu sein”

    übrigens: bezahlt hat die veranstaltung der investor
    besser als der bürger seine eigene enteignung noch bezahlt, doch wir hätten es schon mal gewußt mit den kosten
    doch zu den kosten allgemein sagt der investor und der baustadtrat generell nichts

    den sozen fliegt z.z.sowieso allen um die ohren, die mitglieder treten aus, die gerichte strafen ab(ministererlaubnis) und hetzt distanziert sich sogar bereits die eigene partei (tillinger) vom eigenen stadtrat und die bvv sowieso

    ach so es ist wahlkampfzeit

    rette sich wer kann

    oder gibt es eine alternative !?

    http://aktive-buerger.berlin/

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