Gastbeitrag: Bezirkliches Zwangsarbeitslager – ein langer Anlauf zum Gedenken

Dank für diesen Gastbeitrag an Michael Roeder

Einleitung   Der Zweite Weltkrieg erforderte eine gewaltige Menge an Militär-personal, das als Arbeitskraft in der Heimat fehlte. Zum Ausgleich kamen, neben deutschen Frauen, nur Menschen aus den annektierten Gebieten infrage. Diese Menschen mußten also mit ihrer Arbeit im Land des Eroberers dazu beitragen, daß dieser ihr eigenes Heimatland unterworfen halten konnte. Das sollte man im Folgenden im Auge behalten –  besonders beim letzten Abschnitt, in dem es um den Umgang der Gremien des Bezirks mit diesem Thema geht.

Die allgemeine Lage   Man schätzt, daß es in Groß-Berlin zu Kriegsende über 500.000 Zwangsarbeiter gab, die vorwiegend in den über 3.000 Zwangs-arbeiterlagern untergebracht waren. Gebraucht wurden sie in der Kriegs-industrie, auf dem Bau und bei der Reichsbahn, auch in Arztpraxen, Hand- werksbetrieben, Kirchengemeinden und selbst in privaten Haushalten. Wirtschaft und Kriegsführung wären spätestens 1942 zusammengebrochen ohne ihren Einsatz. Die deutsche Bevölkerung begegnete ihnen überall im Alltag.
Siehe hier:  Zwangsarbeit mit den Augen eines Kindes gesehen.

Charlottenburg und Wilmersdorf
   Ende 1942 waren in Charlottenburg in 50 Lagern 4.500 Zwangsarbeiter unter-gebracht, von denen über die Hälfte für Siemens arbeiten mußte, und in Wilmersdorf in 15 Lagern 6.500, die vor allem bei der Organisation Todt, Weserflug und Reichsbahn im Einsatz waren. Die großen Barackenlager lagen am Stadtrand, für die innerstädtischen Lager wurden Festsäle, Hotels, Gast- stätten, Fabrikschuppen, Schulen oder Kindergärten benutzt.

Die Bezirksämter   Auch das Bezirksamt (BA) in Charlottenburg und das in Wilmersdorf hatten ihre Zwangsarbeiter. „Der ausserordentliche Mangel an männlichen Arbeitern hat dazu gezwungen, Kriegsgefangene, Ausländer und sogar Juden einzusetzen“, stellte schon im Frühjahr 1941 der Kriegsverwa-tungsbericht aus Wilmersdorf (1) fest. Arbeitskräftebedarf bestand in fast allen Verwaltungsbereichen: Stadtgärtnerei, Straßenreinigung, Krankenhaus, Wirtschafts- und Ernährungsamt, Friedhof, Gewerbeaufsicht, Gaswerk, Gesundheits- und Finanzamt.

2015 - ITDZ in Wilhelmsaue 40_klein
Wilhelmsaue 40 heutzutage: IT-Dienstleistungszentrum Berlin

Wilhelmsaue 40   Aufgrund eines Hin- weises des Dokumen-tationszentrum NS- Zwangsarbeit der Stiftung Topographie des Terrors konnte die Wilhelmsaue 40 (2) als Standort des Zwangsarbeiterlagers des BA Wilmersdorf identifiziert werden (3).

 

Folgende Belege gibt es dafür:
1. Die Lage: Ausgangsdokument ist der Bericht des Gesundheitsamtes Berlin-Wilmersdorf vom 30.11.1942 (4); hier ein Auszug in zeilengenauer Abschrift:

Auszug Gesundheitsamt Wdf. 1942
Auszug aus dem Bericht des Gesundheitsamtes

Das Lager befand sich also in Wilhelmsaue 40, neben einem Kinderheim und einem Depot der Straßenreinigung. Die Zuordnung der Gebäude (außer dem größten für das Kinderheim) läßt sich bisher nicht feststellen.

amtliche Karte 1931(-47)
Ausschnitt aus den amtlichen Karten (1:4.000) von 1931 bis 1947

Die Lage wird durch eine bei der Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) aufbewahrte Liste (5) bestätigt, dort unter der Hausnummer 39/40 (siehe Anm. 2). Die mir vorliegende Kopie ist nicht zur Veröffentlichung freige- geben, liegt aber Gedenktafelkommission (GTK) und BA-Kollegium seit dem 10.3.2016 vor.

  1. Der Betreiber: Das unter 1. wieder-gegebene Schreiben des Gesundheits- amtes nennt als Betreiber „Bez.Verw. Wilmsdf.“, also das BA. Ein weiteres Schreiben, diesmal des stellvertreten- den Bürgermeisters, von 1944 (6) stellt darüber hinaus klar:
Ausschnitt Bgm.Wdf.Apr.44
Ausschnitt aus einem Schreiben des Bezirksbürgermeisters des Verwaltungsbezirks Wilmersdorf der Reichshauptstadt Berlin vom 30. April 1944 an die Herren Dienststellenleiter (Archiv Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, 3962-1)

Das Bezirksamt Wilmersdorf – unabhängig von der formalen Unterstellung unter den Oberbürgermeister – regelte also völlig selbständig den Einsatz seiner Zwangsarbeiter, und niemand anders. Wer solche Weisungsbefugnis wahr- nimmt, ist somit nicht „nur der verlängerte Arm der Gauleitung“, wie es auf der Sitzung der Gedenktafelkommission am 16.2.2016 relativierend hieß.

3. Die Zwangsarbeiter: Die in 1. erwähnte Liste des Polizeireviers 151 (siehe Anm. 5) führt 38 dort gemeldete Polen, Jugoslawen und Tschechoslowaken auf. Jedenfalls für die Polen ist unbestritten, daß sie ausschließlich als Zwangsarbeiter im Reich eingesetzt waren.

Fazit: In Wilhelmsaue 40 befand sich während des Krieges (genaue Dauer unbekannt) ein vom Bezirksamt Wilmersdorf betriebenes Lager für Zwangs-arbeiter im Verwaltungsinteresse.

Gedenken an Zwangsarbeit im Bezirk   Der Bezirk verfügt bislang nur über drei Gedenktafeln (7) mit Bezug auf Zwangsarbeit, darunter die Tafel für 18 jugendliche tschechische Zwangsarbeiter am Allianz-Hochhaus in der Joa- chimstaler Straße. Gar keine Tafel erinnert an Zwangsarbeiterlager. Es gibt folglich so gut wie kein Gedenken an Zwangsarbeit in diesem Bezirk.

Umgang der Gremien des Bezirks mit Zwangsarbeit   Im Januar 2015 informierte ich das Bezirksamt über die Zwangsarbeitslager im Bezirk und besonders das BA-Lager in der Wilhelmsaue. Daraufhin beschloß das BA am 20.2.2015, die GTK zu bitten, „sich dieses Themas anzunehmen und ggfs. einen Vorschlag zu entwickeln, wie an den historischen Orten ein Gedenken ermög- licht werden kann.“ Das heißt, seit Anfang 2015 liegt die Angelegenheit bei BA und GTK. Die Gedenktafelkommission hatte das Thema bisher dreimal auf der Tagesordnung (Juni, September 2015, Februar 2016): Beim ersten Mal beschloß sie, mich zu einer Stellungnahme aufzufordern, die sie beim zweiten Mal nicht einmal mit mir diskutierte. Außerdem äußerten beim zweiten und dritten Mal Mitglieder (SPD, Grüne, CDU) mehrere ganz pau- ale Bedenken in Bezug auf das Lager in der Wilhelmsaue, ohne aber eine einzige konkrete Frage zwecks Klärung an mich zu richten; vielmehr war man nur interessiert an den ablehnenden Ausführungen eines Besuchers. Schließlich beauftragte man beim dritten Mal die Leiterin des Kunstamtes, wegen der Hausnummer bei der WASt anzufragen (siehe oben), was diese bisher nicht getan hat (deshalb meine eigene Anfrage). Es wurde nämlich angezweifelt, ob es überhaupt Nr. 40 gebe, da auf den offiziellen Plänen doch 39-41 stehe! Meine Erläuterung (siehe Anm. 2) wurde nicht zur Kenntnis genommen.

Da das damalige Bezirksamt das Lager betrieb und sich seiner Insassen bediente, ist klar, dass es Bezirksbürgermeister und Bezirksamtskollegium obliegt, endlich die historische Verantwortung zu übernehmen und sich um die Erinnerung an die Zwangsarbeiter intensiv zu kümmern, zumal der Bürgermeister dies eine „wichtige“ und „überfällige“ Aufgabe nennt. Aber weit gefehlt: Seitdem die BVV das BA im Oktober 2015 aufgefordert hat, sich Gedanken über ein Gedenken zu machen, hat das BA bis heute nichts vorgelegt. Zudem hat der Bürgermeister bereits drei Gelegenheiten verstreichen lassen, mit der Leiterin des erwähnten Dokumentationszentrums und mir zu sprechen und eventuell offene Fragen zu klären, das erste Mal im November, als er – nach Rücksprache mit seiner Fraktion – sogar ein zugesagtes Gespräch verweigerte. Auch die beiden anderen Male (Februar, März 2016) suchte er kein Gespräch, sondern zog sich zurück hinter die Aussage: „Der Bezirk stellt sich der Verantwortung, indem sich die Gedenktafelkommission damit befasst.“

Zum Schluß   Ein Gedenken an die Zwangsarbeiter des BA vor Ort in der Wilhelmsaue (und bald auch in der Nithackstraße!) ist nur der erte Schritt und Anstoß hin zu weiterer Erinnerung im Bezirk. Er muss umgehend, noch vor den Wahlen, vom BA als Rechtsnachfolger getan werden, denn über 70 Jahre Wartezeit (und über ein jahr Bearbeitungszeit ind en Gremien) sind wirklich genug.  Wir schulden den Zwangsarbeitern wenigstens dies Erinnern, bevor die alle gestorben sind.

Michael Roeder

Anmerkungen
(1)
„Kriegsverwaltungsbericht Wilmersdorf (vom Kriegsbeginn bis 31. März 1941)“, Bl. 12: Landesarchiv Berlin A Rep. 039-08 Nr. 14
(2) Die genaue Bezeichnung des Grundstücks ist in den Akten des Landesarchivs uneinheitlich; teilweise heißt es 39/40, dann wieder nur 40, schließlich auch gelegentlich 39-41. Tatsächlich handelte es sich um ein einheitliches Grundstück mit der offiziellen Nummer 39-41. Heutzutage steht am Haus (wieder) Nr. 40.
(3) Das BA Charlottenburg hatte sein Lager in der Oranienstraße 13/15 (heutzutage Nithackstraße 8-10). Hier bedarf es noch weiterer Untersuchung, die bisher vom BA nicht einmal initiiert wurde.
(4) in: „Ärztliche Versorgung der Ausländerarbeitslager“ [Jahreswechsel 1942/43]: Landesarchiv Berlin C Rep. 375-01-08 Nr. 7818/A 06
(5) Es handelt sich um die Liste des Polizeireviers 151 vom 11.1.1946 aus der Akte „Ausländer, die in Berlin polizeilich gemeldet waren“.
(6) Schreiben des Bezirksbürgermeisters des Verwaltungsbezirks Wilmersdorf der Reichshauptstadt Berlin vom 30. April 1944 an die Herren Dienststellenleiter (Archiv Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, 3962-1)
(7) Quelle: Suchwort „Zwangsarbeiter“ im Verzeichnis aller Gedenktafeln in Berlin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

1 Kommentar

  1. jn sagt: Antworten

    immerhin hat das BA die tatsachen bereits anerkannt
    warum hätte sonst die bezirkswebsite die fakten ins netz gesetzt ?

    https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/artikel.256130.php#!

    andere bezirke sind bereits aktiv geworden:

    http://www.dielinke-treptow-koepenick.de/nc/linksfraktion/positionen/detail/zurueck/aktuelles-9/artikel/standort-ehemaliges-zwangsarbeiterlager-kenntlich-machen/

    http://www.berliner-woche.de/niederschoenhausen/sonstiges/gruene-wollen-an-das-zwangsarbeiterlager-lunapark-erinnern-d43871.html

    https://facettenneukoelln.wordpress.com/2015/06/29/archaeologische-funde-tempelhoferfeld-berlin/

    http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09066754

    https://zwangsarbeiterlagerbn.wordpress.com/

    http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/zwangsarbeit_in_berlin_19381945/

    https://books.google.de/books?id=GC3FAAAAIAAJ&q=inauthor:%22Bezirksamt+Lichtenberg+von+Berlin.+Abt.+Personal,+Finanzen+und+Kultur%22&dq=inauthor:%22Bezirksamt+Lichtenberg+von+Berlin.+Abt.+Personal,+Finanzen+und+Kultur%22&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi9vLjivdvLAhXkA5oKHeieBKUQ6AEIKzAA

    http://www.berliner-geschichtswerkstatt.de/zwangsarbeit/veranstaltungen.htm

    http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/unterricht/faecher/gesellschaftswissenschaften/geschichte/themen/evz_fl_za_kreuzberg.pdf

    http://www.museentempelhof-schoeneberg.de/m_tempelhof/aus_inhalt.html

    usw.usf.

    wann übernimmt der bezirksbürgermeister von CW durch taten und nicht mehr nur mit worten seine verantwortung ?

Schreibe einen Kommentar