Erich Mendelsohns WOGA-Komplex – wer hat den Schwarzer Peter?

Immer, wenn´s politisch ungemütlich wird in Berlin, holt einer die Karten raus und alle spielen Schwarzer Peter.

Aktuell auf dem Spiel in Charlottenburg-Wilmersdorf steht dabei das von Erich Mendelsohn geschaffene Gebäude-Ensemble rund um die berühmte Schau-bühne, der sog.  WOGA-Komplex.

Eindeutig ist die jetzt dazu beschlossene Empfehlung des bezirklichen Denkmalbeirats – nämlich „die  unter Denkmalschutz stehenden Tennisplätze in der Gesamtanlage WOGA-Komplex zu erhalten“  – und einstimmig machte sich auch der bezirkliche Stadtentwicklungsausschuss in seiner jüngsten Sitzung (27.04.) diese Empfehlung zu eigen.

Damit hat sich die BVV klar positioniert: Für den Denkmalschutz und gegen Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Der wiederum weiterhin und unverdrossen einer „Nachverdichtung“ (70 Luxuswohnungen) im Innern der denkmal-geschützten Gesamtanlage das Wort redet – einer Nachverdichtung, die er im Übrigen hinter dem Rücken von BVV und Öffentlichkeit, dafür aber im Einvernehmen mit dem Landesdenkmalamt (LDA) und einem Off-Shore-Investor mit dem schönen Namen Shore Capital längst vorbereitet hat.

Warum das Schwarze-Peter-Spiel? Was soll dabei verschummelt werden? Das Geld. Oder besser: Die Vermehrung des Geldes.

Denn für die Off-Shore-Investoren geht es hier um viel Geld. Nicht solches, dass sie schon ausgegeben hätten – denn das 6.000-qm-Filetgrundstück kurz hinter dem Kudamm im denkmalgeschützten WOGA-Komplex erwarben sie 2013 für Peanuts, für 435.000 € – zu einem Preis also, der die Bebaubarkeit ausschließt (ca. 75 €/qm) . Zum Geldsegen aber käme es, wenn der Bezirk doch für Bau- enehmigungen sorgt, wenn die 70 Luxuswohnungen gebaut werden dürften. Dann hätte der billige Grund und Boden laut offizieller Bodenrichtwerttabelle nämlich schlagartig den ca. 13-fachen Wert (ca. 1.000 €/qm). Lieschen Müllers Sparbuch würde angesichts solcher Renditen (1300 %) einen Schwindelkollaps erleiden. Aber Lieschen Müller ist Lieschen Müller – und Off-Shore ist Off-Shore. Shore Capital jedenfallsum die es hier geht, will nicht, dass wir das Woher dieses Geldsegens sehen. Darum Schwarzer Peter.

Denn das ist doch klar: wundersame Geldvermehrer wollen sich bei ihrem Geschäft nicht in die Karten gucken lassen. Und so verweist auch der Bau- stadtrat, indem er im Januar d. Jahres der Öffentlichkeit und den zunächst verdutzten, später alarmierten und inzwischen nur noch empörten Anwohnern einen (Shore Capital!-Bauantrag für April ankündigte: so und seitdem verweist er beschwichtigend auf das Landesdenkmalamt (LDA). Dieses werde doch – alles halb so schlimm – im Falle eines Bauantrages die Frage des Denk- malschutzes „prüfen“. Was er gegenüber der BVV und der Öffentlichkeit dabei wohlweislich verschwieg und was erst Akteneinsichten im Bezirk und beim LDA zu Tage förderten: dass er  unter dem Verschwiegenheits-Siegel eines angeblichen Investorenschutzes seit 2013/2014 die Bebauung inclusive internem konkurrierenden Architekten-Wettbewerb vorbereitet hatte – gemeinsam mit dem bezirklichen Stadtplanungsamt, der Unteren Denk- malbehörde und dem Landesdenkmalamt. Hilfreiche Dienste leistete dabei ein im Auftrag von Shore Capital vorgelegtes bauhistorisches Gutachten über angeblich von Erich Mendelsohn auf dem Grundstück ohnehin vorgesehene, aber eben unvollendete gebliebene „Kreuzhäuser“. Warum so spannende historische Fragen unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu diskutieren und abzuwägen waren: das bleibt das Geheimnis des Baustadtrats. Eine vernünftige Begründung jedenfalls konnte er auch diesmal für seine notorische Geheimnis-krämerei nicht vorlegen.

Wie aber soll das Landesdenkmalamt bei einer soweit angerichte- ten Gemengelage aus Vorabsprachen, Vorabzusagen, Gutachten und konkurrierenden Wettbewerben noch unvoreingenommen prüfen? Wie plausibel ist es, zu erwarten, dass der Landeskonservator und seine Behörde, nach diesem Vorlauf doch noch für Denkmalschutz votieren werden? Wie realistisch ist es, dass die Berliner Denkmalschutzbehörde, ihres Zeichens Teil der Stadtentwicklungsverwaltung und unter der Knute der  Geisel´schen bzw. Lüttke-Daldrup´schen Bauwut, sich jetzt noch allen Ernstes von einem Verfahren distanziert, in das sie seit Jahr und Tag – unter Ausschluß der Öffentlichkeit – mit hineingezogen war?

Das LDA lässt sich zu der Sache am liebsten gar nicht mehr ein und weicht bei Presseanfragen aus – so wie jüngst am Tage bezirklichen Ausschussitzung (27.04.), als es in der Morgenpost verlauten ließ: „Das Landesdenkmalamt ist nicht der zuständige Ansprechpartner für das Bauvorhaben“. Die Landes-behörde stimme sich zwar mit der unteren Denkmalschutzbehörde beim Bezirk ab, doch letztlich treffe der Bezirk die Entscheidung. Aha. Schwarzer Peter auch von dort.

Geschichtsbewusstheit und Verantwortung für das Erbe Erich Mendenlsohns bewiesen hingegen die AnwohnerInnen, die das Denkmal bewohnen:  Sie riefen renommierte internationale Mendelsohn-Kenner auf den Plan. Bauhistorisch kundig, weisen diese die die Kreuzhäuser-Phantasie von Investor und Berliner Denkmalschutz zurück und schütteln den Kopf über dieses jüngste Vergehen im überregional in Verruf geratenen Berliner Denkmalschutz (s. zuletzt Magnus- Haus Siemens und aktuell das Schicksal der Friedrichwerderschen Kirche).
Hier der link zur Stellungnahme zum WOGA Komplex_ Stephan _ James-Chakraborty _ 15.04.2016

P.S.: In der Ausschußssitzung selbst malte Baustadtrat Schulte gegenüber den Verordneten das Risiko eines vom Bezirk zu verantworten- den „Planungsschadens“ gegenüber dem Investor an die Wand – für den Fall, dass das Landesdenkmalamt keine Einwände gegen eine Bebauung haben werde und die Bauverwaltung dann ein „gegebenes Baurecht“ aus dem West-Berliner Baunutzungsplan verweigere: In diesem Falle also, so Schulte, müsse der Bezirk womöglich Richtung (Off-) Shore Capital zahlen. Schwarzer Peter bei uns, beim Steuerzahler – und Wähler! Mamma Mia!

Und schließlich auch noch das: Von der Möglichkeit einer entschädigungslosen Über- planbarkeit des alten West-Berliner Baunutzungsplanes im Falle dieses voll erschlossenen Grundstücks schweigen Baustadtrat und seine Verwaltung.
Es wird höchste Zeit für Neuwahlen in Berlin und in den Bezirken.

s. auch:  Berliner Morgenpost, Der Berliner Wohnungsbau bedroht den Denkmalschutz vom 27.04.2016

rbb-Kulturradio, Dramatik einmal hinter der Schaubühne: Erich Mendelsohns-WOGA-Siedlng vom 28.04.2016 und den

Tagesspiegel, BVV will keine Wohnungen aus Tennisplätzen vom 28.04.2016

6 Kommentare

  1. Armin Holst sagt: Antworten

    „Zum Wohle der Allgemeinheit“ hat auch Stadtrat Marc Schulte einst seinen Amtseid geschworen – von Investoren-Taschen war da nichts zu hören!

  2. a.thiel sagt: Antworten

    Warum kommt mir das Ganze so bekannt vor?
    Das gleiche Strickmuster wie Oeynhausen!
    Merkt man in der BVV noch was?

  3. jn sagt: Antworten

    „Es wird höchste Zeit für Neuwahlen in Berlin und in den Bezirken.“

    wenn diese mal nicht verhindert bzw. verschoben werden,
    auch wenn es sich nur um die wahlen zu den seniorenvertretungen handelt

    so kam auf der mitgliederversammlung der verdi senioren in den stadionterassen am dienstag heraus (o-ton ex-stadtrat Krüger,jetzt für die CDU im AGH),dass frau Radziwill (für die SPD im AGH) durch ihren einfluß verhindert habe,dass die senioren ihre bezirksvertretungen -parallel zur AGH und BVV abstimmung- wählen.
    Jetzt ist von märz 2017 die redc.

    was fürchten die spdler ?

    Es lebe die lebendige demokratie im bezirk, im land und überall.

  4. DirkH sagt: Antworten

    Darf ich in meiner Unkenntnis mal fragen, von wem Shore Capital denn dieses Grundstück gekauft hat?

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