Bausünde Seesener Straße – Fortsetzung folgt

Update: In der BVV am kommenden Donnerstag, dem 21.01. steht mein Antrag für ein Bebauungsplan-Erfordernis Seesener Str./Henriettenplatz auf der Tagesordnung; SPD und CDU hatten ihn allerdings im Stadtentwicklungs-ausschuss im Dezember abgelehnt. Obwohl das Vorhaben dem Ausschuss  überhaupt erstmals am 27.01. päsentiert werden wird…

Ungewollt komisch geriet die Eröffnung der Einwohnerversammlung am 12.01. durch Baustadtrat Schulte (SPD): Bei der letzten Versammlung im Juni – zum  erschreckende Gestalt annehmenden Bau in der Seesener Str. („Süd“) – hätte er ja angekündigt, dass es eine Fortsetzung geben werde… Nun ja, was den Ein- wohnerInnen an diesem Januarabend präsentiert wurde, ist `tatsächlich´, um mit einem Lieblingswort dieses Baustadtrates zu sprechen, eine Fortsetzung: dasselbe Bauprogramm wie in „Süd“ – und das ist nun wirklich nicht mehr komisch: ein Bild des Schreckens, das also auch in den oberen Ku´damm hineinreichen wird. (s. im blog der Morgenpost das Baumassenmodell der HNK GmbH; inzwischen auch bei Tagesspiegel-online)

„Der Gewinn liegt im Einkauf“, wusste Franz Bieberkopf in Berlin Alexanderplatz. Investor Nespethal von der HNK GmbH hat ganz offen-sichtlich teuer eingekauft – in der Erwartung einer ähnlich wie in der Seesener Straße „Süd“ vom Bezirk per Befreiungsentscheidung genehmigten Baumasse (GFZ von 1,5 auf 4,4). Sein Baumassenmodell spricht Bände. Ein ganzes Jahr Erarbeitungszeit stecke nun in seinem Modell – da kann auch der beste Architekt wenig machen. Außer vielleicht auch mal NEIN sagen? Der Bezirk jedenfalls muss dazu nicht JA sagen.

Denn so sähe sie aus, die Zukunft, mal vom S-Bahnhof Halensee gesehen – mit schönen Grüßen von der Bauaufsicht Charlottenburg-Wilmers- dorf:
„Seitens der Bau- und Wohnungsaufsicht kann ich Ihnen mitteilen, dass die Anforderungen der Bauordnung an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse sowie an die Gestaltung gewahrt werden.“

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Projektion, erstellt vom fassunsglosen Empfänger dieses Schreibens, selbst Architekt und Anwohner – Dank an Herrn Dipl.-Ing. Kay Zareh.

Herr Zareh hatte dem renommierten Architekturbüro, der für das Baumassen-modell verantwortlich zeichnet, noch Kredit einräumen wollen – nach diesem Abend schreibt er an die Präsidentin der Architektenkammer Berlin und bittet um deren Einschreiten zugunsten eines städtebaulichen Wettbewerbs.

Interessante Daten – und Vokabeln! – steuerte schließlich auch der vom Bezirk bestellte Verkehrs- und Lärmgutachter bei, aber das machte die Sache auch nicht besser. Überhaupt nicht zu überzeugen vermochte seine verkehrsgutachterliche Darstellung und das Erschließungskonzept des Investors, vor allem nicht mit Blick auf die Erfordenisse von geschätzten 20.000qm Büro-, Geschäfts- und Einzelhandelsflächen am Kopfbau/Henriettenplatz. Seine Aus- führungen zur „hohen Lärmbelästigung“, „Lärmbetroffenheit“, „Gesundheits-gefährdung“, „eindeutig gesundheitsrelevanten“ Messergebnissen, wogegen er „architektonische Selbsthilfe“ und damit das Bild einer bewohnten Lärmschutz- wand evozierte – sie mögen der nebenan bauenden Sanus AG bezogen auf die Genehmigungsfähigkeit von Kinderspielplatz- und Kita-Flächen in den Ohren geklingelt haben. Im Saal lösten sie Unruhe und Widerspruch aus.

Ich gebe Herrn Zareh Recht: „Die Architektur am Henriettenplatz ist nach einem Jahr Planung nur als Baumasse dargestellt, ein Architektenwettbewerb hätte in 3 Monaten unendlich bessere konkrete Ergebnisse zur Folge gehabt. Wo bleiben die Wohnfolgeeinrichtungen? Bei diesem Projekt muß schon in der Vorent-wurfsphase eine konkrete Bauablaufsplanung erfolgen und zumindest ein abgespeckter Sozialplan erstellt werden. All das wird dem Zufall überlassen,wie dies aussieht, kann sich jeder an der Baustelle Seesener Str. Süd anschaulich vor Augen führen. Investoren müssen dem Kapitalmarkt Quadratmeter liefern, die Wohnungsnotlage in Berlin wird durch diese Bauten nicht gemindert. Da lobe ich mir den alten Haberland, auch ein Investor, dessen Arbeit als die angenehmste Urbanmeile Europas gelobt wird. Er hat Architekten-wettbewerbe durchgeführt zu einer Zeit als Berlin jährlich um glatte 100 tausend Einwohner wuchs.“

Danke für diese Erinnerung: Vor hundert Jahren haben private Investoren diesen Zuzug nach Berlin „bewältigt“ und urbane Qualitäten geschaffen; und auch der Grunewald wurde dafür nicht etwa gerodet, sondern von vorausschauenden Stadtvätern in einem Dauerwaldvertrag gesichert.

Hallo Senat, hallo SPD: Nein, Zukunft für Berlin, mit dieser Tonnenideologie – die baut Ihr nicht.

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4 Kommentare

  1. Brigitte Bruch sagt: Antworten

    Danke für diese gute Zusammenfassung und Kommentierung.

    Es gibt ja Stimmen, die sagen, „Das wird dann jetzt eben eine ganz normale Berliner Straße“. Das macht mich fassungslos. Wer das Monströse und Hässliche normal findet, der kann nicht mit offenen Augen durch diese Stadt laufen. Ganz abgesehen davon stellt sich mir die Frage, warum man das, wovor man die Anwohner der Seesener Straße „schützen“ will -Stichwort Lärm der Stadtautobahn, Abgasbelastung – nun aber den künftigen Mietern der neu entstehenden Häusern zumutet. Denn die Wohnungen kriegen doch auch Fenster, die nach Südwesten, also zur Stadtautobahn, gehen, oder etwa nicht?

  2. jn sagt: Antworten

    fortsetzung folgt: aber nicht so !

    „Grüne fordern städtebauliche Qualität am Henriettenplatz

    Zu der auf der Einwohnerversammlung vorgestellten Bebauung am Henriettenplatz und Seesener Straße erklärt der Stadtentwicklungspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen:

    „Qualität muss Raum gegeben werden. Für die Baukörperfiguration am Henriettenplatz, auf der Südseite des Kurfürstendamms, wurde noch keine befriedigende Lösung gefunden. Eine neue Bebauung am Henriettenplatz ist nicht nur für die Platzbildung, für das Erleben der hiesigen AnwohnerInnen also, sondern sie ist in ihrer städtebaulichen Ausformung, hier am Ende des Ku´dammms, kurz vor der Zäsur des S-Bahngrabens mit dem Bahnhof Halensee, von gesamtstädtischer Bedeutung.“

    Die Grünen halten es für unabdingbar, dass mit einem konkurrierenden Verfahren unter mehreren Architekten nach einer für das städtebauliche Umfeld adäquaten Lösung gesucht wird. Sie werden darüber noch einmal mit dem Investor des Vorhabens reden und versuchen, ihn davon zu überzeugen, zur Erlangung städtebaulicher Qualität an dieser Stelle, mit Unterstützung des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf einen Wettbewerb zu veranstalten.

    Eine Akzentuierung der Baukörper durch Vor- und Rücksprünge begrüßen die Bündnisgrünen, nachdem auf dem Nachbargrundstück mit einer alten Befreiung ohne Einwohnerbeteiligung und BVV- Information ein gut 200 Meter langer 7-geschossiger gleichförmiger Baukörper genehmigt wurde. Jetzt soll ein abwechslungsreiches Straßenprofil entstehen, keine „ganz gewöhnliche Berliner Straße“ wie es eine Bürgerinitiative vor Ort befürchtet. Eine vorgeschlagene Auflockerung der Bebauung durch Lücken zum Halenseegraben würde den Lärm von der Stadtautobahn und der Bahngleise als Schalltrichter in die Seesener Straße leiten.“
    http://gruene-cw.de/aktuelles/expand/593406/nc/1/dn/1/

    grüner populismus

    wer ist denn in der „zählgemeinschaft“ mit den Sozen ?
    dreimal darf mann/frau raten

    warum hat Herr Heise als vorsitz. des stadtentwicklungsausschusses nicht von seinem „bündnispartner“ längst einen bebauungsplan eingefordert ?
    Warum wurde nicht ein städtebaulicher wettbewerb schon längst eingefordert ?

    Seit jahrzehnten im bezirk an der „regierung“.
    Erst wenn das kind ins wasser gefallen ist, versuchen es die GRÜNEN wieder rauszuholen.
    vergeblich

    So verkommt das „bemühen“ zu einem vergeblichen „bittgang“ zum investor

  3. jn sagt: Antworten

    man kann es auch „simulierte Bürgerbeteiligung“ nennen oder „vorgezogenen Wahlkampf“:

    http://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/politik/bezirksverordnetenversammlung/online/vo020.asp?VOLFDNR=5419&options=4

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